Tages-Anzeiger 22.3.3008

"Der Markt soll dem Menschen dienen,
nicht umgekehrt"

Sich nur auf den Markt verlassen heisst, unsere Lebensgrundlage
zerstören. Das sagt nicht ein linker Politaktivist, sondern ein
Wirtschaftsprofessor der Harvard-Universität.


Mit Stephen Marglin sprach Stefan Hostettler in Ermatingen
Stephen Marglin geht mit seiner Zunft hart ins Gericht. Die
überwältigende Mehrheit der Ökonomen huldige blind dem Markt. Und ihr
Enthusiasmus beruhe auf Halbwahrheiten, schreibt er in seinem eben
erschienenen Buch «The Dismal Science» (zu Deutsch: Die trostlose
Wissenschaft). Dass die Ökonomie zur dominierenden Ideologie geworden
ist, sei aber nicht erst seit der neoliberalen Revolution von Ronald
Reagan und Maggie Thatcher so. Dieser Trend habe schon vor 400 Jahren
seinen Anfang genommen und sich jetzt nur noch verstärkt, sagt Marglin.
Die Vergötterung des Markts und des Individualismus bedrohe inzwischen
aber immer stärker unsere Gemeinschaften: die Familie, das Dorfleben und
die Umwelt.

Marglin provoziert, stimuliert mit seiner undogmatischen Art aber
spannende Debatten. Genau deshalb lud das UBS-Ta­gungszentrum Wolfsberg
den Amerikaner letzte Woche zu einem Vortrag und einer Diskussion mit
Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft ein.

Professor Marglin, was sonst, wenn nicht der Markt, sorgt für ein
Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage? Etwa die Planwirtschaft?

Sicher nicht. Die Geschichte hat die Frage, ob der Sozialismus
funktioniert, beantwortet. Doch das Problem bleibt. Die dunklen Seiten
des Markts werden heute systematisch ausgeblendet. Effizienz wird über
alles gestellt.

Woran denken Sie konkret?

Ich weiss, dass Sie das als Schweizer womöglich irritiert, aber mein
Lieblingsbeispiel stammt aus der Welt der Versicherer: Ich selber
besitze Pferde und habe sie in einer Holzscheune untergebracht. Was
mache ich, wenn diese Scheune eines Tages abbrennt? Ich kontaktiere
meine Versicherung, der Inspektor kommt vorbei und stellt mir einen
Check aus. Dann gebe ich jemandem den Auftrag, die Scheune wieder
aufzubauen.

Das ist doch gut so?

Nein. Wissen Sie, was früher in solchen Fällen geschah? Die Nachbarschaft
half. Man baute die Scheune gemeinsam wieder auf. Alle Nachbarn standen
unter dem sozialen Druck, mitzuhelfen. Umgekehrt konnten alle in Not
auch auf Hilfe der Gemeinschaft zählen. Die Versicherungswirtschaft oder
- allgemein gesprochen - der Markt untergräbt diese
traditionell gewachsenen Nachbarschaftsbeziehungen.

Verklären Sie da nicht die Vergangenheit?

Die Versicherung sorgt doch auf effizientere Weise für Ersatz.
Wenn Sie sich nur für Scheunen interessieren: ja. Wenn Sie aber an die
Menschheit denken, ist das nicht so klar. Wissen Sie, weshalb ich das
Scheunen-Beispiel so gern benutze? Weil dieser Brauch bei der religiösen
Gemeinschaft der Amischen weiterlebt. Leider sehen viele in ihnen nur
eine bizarre Sekte, die nach veralteten Regeln lebt und sich der Moderne
verweigert.

Stimmt das nicht?

So einfach ist es nicht. Die Amischen verbieten Versicherungen bewusst.
Sie lehnen Versicherungen ab, weil sie die Ge­meinschaft und das
Konzept, sich gegenseitig zu helfen, unterminieren. Sie verlassen sich
auf die Gemeinschaft, wir dagegen auf den Markt.

Taugen die Regeln der Amischen dazu, ein besseres Wirtschaftssystem
aufzubauen?

Ich propagiere keineswegs den amischen Lebensstil. Aber wir können von
ihnen lernen. Zum Beispiel, dass man sehr genau prüfen sollte, wo der
Markt zur Gefahr die Gemeinschaft unterstützt. Dieses wichtige Sensorium
haben wir verloren. Sicher erfüllt der Markt seinen Zweck, aber nicht
immer und überall. Auch wir sollten uns sehr genau überlegen, wann
Marktmechanismen mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Heute
reagieren wir auf Marktversagen meist mit noch mehr Markt.

Was sind für Sie aktuelle Beispiele für schädliche Marktkräfte?

In den USA läuft seit Jahren eine Debatte über die Verlagerung guter
Arbeitsplätze ins Ausland. Das sind nicht nur Tragödien für jene, die
ihren Job verlieren. Darunter leidet häufig eine ganze Gemeinschaft.
Vergleichbar ist die Entwicklung mit der in den ländlichen Gebieten
Mexikos, wo die Maisbauern zuerst durch billige US-Importe aus dem
Geschäft gedrängt wurden und sich heute wegen des Preisanstiegs auf dem
Weltmarkt nicht einmal mehr Saatgut leisten können. Weder in den USA
noch in Mexiko gibt es einen Mechanismus, um die Marktkräfte zu zähmen,
auch wenn sie noch so destruktiv sind.

Sie fordern ein neues Gleichgewicht zwischen den Regeln des Markts und
den Regeln der Gemeinschaft.

Genau. Schon der jüdische Weise Hillel stellte vor bald 2000 Jahren die
Frage: «Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Und solange
ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dann?» Er
bringt die Spannung zwischen den Interessen des Individuums - oder
des Markts - und den Interessen der Gemeinschaft auf den Punkt.
Dieses Span­nungsverhältnis ist durchaus befruchtend und fördert die
Kreativität. Aber der Markt soll immer der Gemeinschaft und den Menschen
dienen, nicht umgekehrt.

Das Thema der abgewanderten Arbeitsplätze wird auch im US-Wahlkampf
heftig diskutiert. Was würden Sie einem künftigen Präsidenten oder einer
künftigen Präsidentin raten?

Die lokalen Gemeinschaften sollen ihre Interessen einbringen können, wenn
etwa die Schliessung einer Fabrik droht. Sie sol­len kein Veto haben,
aber angehört werden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht
unrentable Dinosaurier-Fabriken erhalten. Das wäre gegen das Interesse
der Gemeinschaft. Ein Mitspracherecht für die Standortgemeinde müsste
mit der Pflicht verbunden werden, gute Produktionsbedingungen zu
schaffen. Und: Es kann aber nicht sein, dass Unternehmen durch die
Produktionsverlagerungen von Steuervorteilen profitieren.

Sie verlangen einen Systemwechsel. Wie soll das gehen?

Wichtig ist zuerst die Debatte, die ich mit dem Buch initiieren will.
Bevor man über konkrete Schritte redet, muss man sich darüber einig
werden, dass eine neue, andere Wirtschaft wünschenswert ist. Erst dann
können wir uns den Fragen nach neuen institutionellen Strukturen
zuwenden und überlegen, wie wir das alte Wirtschaftssystem in ein
ausbalancierteres System überführen.

Sie haben noch keine konkreten Ideen, wie das geschehen soll?

Nur bedingt. In meinem Buch erwähne ich das Beispiel des
Stanzunternehmens Goshen Stamping. Sein Besitzer Jerry Trolz weigerte
sich, die Produktion nach Mexiko zu verlagern, obwohl das sein
bisheriger Hauptabnehmer verlangte. Trolz ist noch immer im Geschäft und
wird in Goshen im US-Bundesstaat Indiana als Held verehrt. Die
Gemeinschaft ernst nehmen bedeutet, das lokale Gewerbe zu unterstützen
und gegenüber grossen multinationalen Konzernen zu bevorzugen.
Allfällige Effizienzverluste deswegen werden überschätzt. Schliesslich
geht es wie beim Bau der Scheune um die Menschen.

Ihre Kollegen Paul Krugman und Joseph Stiglitz kritisieren ebenfalls die
rein auf den Markt fixierte Wirtschaftspolitik. Aber sie setzen dabei
mehr auf ein korrigierendes Eingreifen des Staates, während Sie das
System als Ganzes in Frage stellen. Halten Sie Krugman und Stiglitz für naiv?

Mich überrascht immer wieder, wie ähnlich die Mehrzahl der Ökonomen bei
Fragen wie dem Outsourcing argumentiert. So hat mein Harvard-Kollege und
Freund Gregory Mankiw vor ein paar Jahren diese Entwicklung in einem
Artikel begrüsst, weil dadurch einzelne Staaten ihre Wettbewerbsvorteile
ausspielen können. Er präsidierte damals den wirtschaftlichen
Beraterstab von Präsident George W. Bush und geriet von republikanischen
Politikern so stark unter Druck, dass er seine Aussagen relativie­ren
musste. Aber alle führenden Ökonomen - linksliberale wie
konservative - ergriffen Partei für ihn. Es war keine Debatte
unter Ökonomen, sondern zwischen Ökonomen und dem Rest der Welt. So
fühle ich mich Stiglitz und Krugman zwar im Geiste näher als anderen,
konservativen Kollegen, aber nicht in diesem Punkt. Ich bin gespannt, ob
sie die Diskussion, die ich mit meinem Buch starten will, aufnehmen
werden.